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Keine Hoffnung in Ramallah

Die Hoffnung stirbt zuletzt, sagt man. In den palaestinensischen Gebieten gibt es sie schon lange nicht mehr. Davon konnte ich mich ueberzeugen als ich einen  Schriftsteller in Ramallah besuchte. Der Weg dorthin fuehrt durch die israelische Mauer, zerstoerte Gebaeude, karge Wuestenlandschaft und verwinkelte Strassen. Aber was fuer eine Ueberraschung als ich ankomme! Ramallah ist eine ganz normale arabische Stadt, sie ist nicht bevoelkert von waffentragenden Jugendlichen oder Frauen in Kopftuechern, die um ihre Kinder trauern. Es gibt auch keine abgerissenen Haeuser, stattdessen viele Geschaefte, Restaurants, Cafes, Obststaende und alles was zum normalen Leben in diesem Erdteil gehoert. Dazwischen spazieren gut aussehende Menschen, mit modernen T-Shirts und Jeans, mit offenen Haaren und den neuesten Handys.“Das ist aber nur die Oberflaeche” sagt Mohammed (Name geaendert), der Schriftsteller und Journalist, als wir im Cafe sitzen. “Natuerlich versuchen wir normal zu leben, was sollen wir denn tun? Aber die juengsten Ereignisse haben mir die letzte Hoffnung auf einen Frieden genommen, wir haben niemanden mehr, der fuer uns spricht, Fatah und Hamas bekaempfen sich gegenseitig, wer kann jetzt noch etwas fuer uns aushandeln?” Man merkt wie nah ihm das Thema geht, denn Mohammed spricht nun lauter und schneller:” Die Israelis versuchen uns das Leben so schwer wie moeglich zu machen damit wir aufgeben und das Land verlassen. Sie bauen diese Mauer auf dem Gebiet, das sie uns zugesprochen haben und sie bauen immer noch Siedlungen, es stehen vier davon um Ramallah herum. Die Strassen zu den Siedlungen sind gesichert und unsere Strassen muessen verlegt werden damit sie sich nicht kreuzen, die Siedlungen und die Mauer nehmen uns langsam und bestaendig unser Land. Eine Loesung? daran glaube ich nicht mehr, ich wuerde zwei getrennte Staaten akzeptieren, aber gerecht waere das nicht. Es ist nicht gerecht fuenf Millionen Juden in das Land zu bringen und dafuer fuenf Millionen Palaestinenser zu vertreiben. Es kommen Juden aus Russland und der ganzen Welt und dafuer muessen wir das Land verlassen in dem wir schon immer gelebt haben!” Mohammed weiss nicht, dass ich Jude bin, ich hatte hier in der Westbank Angst mich als Jude zu erkennen zu geben, ausserdem wollte ich, dass er frei spricht. Und er sagt den Satz, der mich entwaffnet:” Ich habe kein Problem mit Juden, ich hasse sie nicht. Auch sie wollen ein normales Leben fuehren, ohne Angst und Gewalt, aber es ist der israelische Staat, der sich agressiv und unlogisch verhaelt. Der Staat Israel ist eine Antwort auf den europaeischen Antisemitismus, die Juden sind die Opfer und wir sind die Opfer der Opfer. Darum koennen wir uns in der Welt kein Gehoer verschaffen, Israel ist wie eine heilige Kuh, man darf sie nicht kritisieren ohne gleich als Antisemit verurteilt zu werden. Und die Israelis nutzen diese Position aus um uns zu unterdruecken und zu vertreiben.” Es faellt mir schwer so etwas zu hoeren, ich bin in der Tat keine Kritik an Israel gewoehnt. In Deutschland werde ich selten damit konfrontiert und wenn, dann klingelt bei mir sofort der Nazi Alarm. Aber Mohammed ist kein Nazi, auch kein religioeser Fanatiker oder Aktivist einer der palaestinensischen Bewegungen. Er sieht noch nicht einmal wie ein Araber aus. Mit seinen weissen Haaren und Schnurrbart und dem pinken Hemd koennte er genauso als europaeischer Intellektueller durchgehen. Und er faehrt fort vom Leid seiner Leute zu erzaehlen, wie man ihm 25 Jahre nicht erlaubte nach dem Studium in sein Land zurueck zu kehren, wie ein Mann vor den Augen seines Sohnes einen Esel kuessen musste um durch einen Checkpoint in sein Dorf zu gelangen, wie den Kindern die Arme und Beine gebrochen wurden, die Steine auf israelische Soldaten warfen, wie Palaestinenser in israelischen Gefaengnissen gefoltert werden und einges mehr an Geschichten, die mir beim hoeren das Herz brechen und ihm Traenen in die Augen treiben. Er schliesst mit den Worten, mit denen er das Gespraech begann:” Ich habe keine Hoffnung mehr, Hoffnung zu haben ist wie Fluegel zu haben, uns wurden die Fluegel gebrochen. Ohne Hoffnung ist alles moeglich, auch Selbstmordattentate, sie sind ein Akt der Verzweiflung, nicht der Hoffnung, wenn man noch Hoffnung hat, bringt man sich nicht um”. Mohammed muss zur Arbeit gehen und ich mache mich auf den Weg zum Goethe Institut von Ramallah. Auch dort hoere ich keine freundschaftlichen Worte fuer Israel:” Das Problem ist, dass man eine Religion mit einer Nation vertauscht hat.” erzaehlt mir der Herr vom Institut im perfekten Deutsch. “Ich bin Moslem, aber das ist meine Religion, sie sind Deutscher und koennen jede Religion haben, die sie wollen, das aendert nichts daran, dass sie Deutscher sind.” Ich koennte erwidern, dass es ja gerade die Deutschen waren, die aus der juedischen Religion eine Nationalitaet gemacht haben und den Juden die deutsche Nationalitaet abgesprochen haben. Aber der Herr ist so im Redefluss, dass ich nicht zu Worte komme, stattdessen frage ich nur nach einem Hotel fuer die Nacht als er endet. Auf dem Weg ins Hotel mache ich Pause an einem Kiosk, der Verkaeufer setzt sich zu mir und wir fangen eine Unterhaltung an. Ich frage ihn, was er fuer eine Zukunft fuer die Palaestinenser sieht und er erklaert mir, dass die Antwort ganz einfach sei:” Wir werden weiterkaempfen bis wir wieder in Tel-Aviv sind! Ich will in das Haus meiner Eltern zurueckkehren, stattdessen lebe ich in dieser fremden Stadt und brauche acht Stunden um meinen Vater zu besuchen, der nur 50 Kilometer von hier entfernt wohnt.” Er sagt das ohne Hass, ich spuere eher eine tiefe Traurigkeit in seiner Stimme. Und auch ich bin traurig als ich in meinem Hotelzimmer bin. Kann es sein, dass Israel so ein gemeiner Unrechtsstaat ist? Die Menschen hier versuchen ein normales Leben zu fuehren und Israel laesst es nicht zu? Natuerlich gibt es die Attentate und Raketen auf israelische Staedte, aber die Mehrheit der Palaestinenser unterstuetzt sie nicht scheint es mir. Bald werde ich in Israel sein, dann werde ich mich mit den Menschen dort unterhalten, mit Politikern, Historikern und Soldaten. Geschichte wird von den Gewinnern geschrieben, habe ich mal gehoert. Das will ich nicht akzeptieren, ich bin hierher gekommen um die Wahrheit zu erfahren, auch wenn sie schmerzlich fuer mich ist und ich einige meiner bisherigen Denkweisen aendern muss. Am naechsten Tag ist auf dem Hauptplatz von Ramallah eine Kundgebung der Fatah. Sie wollen Staerke und Praesenz zeigen nach dem Verlust ihrer Macht in Gaza, aber die Veranstaltung ist nicht sehr gross. Es sind keine hundert Menschen gekommen, fast scheinen mehr Reporter als Demonstranten dort zu sein. Es werden hitzige Reden gehalten, Fahnen geschwungen, Arafat Bilder verteilt und Musik gespielt. Alles wird von Soldaten ueberwacht, die ihren Auftrag sehr ernst nehmen, man ist wohl etwas nervoes nach den juengsten Kaempfen auch wenn sie in der Westbank nur kurz und leicht waren. Die Menschen hier scheinen aber nicht sehr politisch zu sein, viele gehen einfach weiter oder schauen vom Strassenrand zu.Am Nachmittag fahre ich zurueck nach Jerusalem. Unterwegs lasse ich mich vom Busfahrer an der Mauer absetzen, um sie genauer zu betrachten. Es ist ein wirklich haessliches Monster! Grau, etwa zwei Meter hoch und mit Tuermen in verschiedenen Abstaenden. Auf palaestinensischer Seite sind politische Grafittis an die Mauer gemalt worden, wie es in Berlin auch war. Ich mache Fotos und schaue immer wieder nervoes zum israelischen Checkpoint, man kann ja nicht wissen wie die Soldaten auf mich reagieren werden. Auf einmal tauchen zwei palaestinensische Jugendliche auf und lehnen sich mit Siegeszeichen gegen die Mauer. Sie wissen was ich will und posieren noch fuer weitere Fotos, ploetzlich baumelt ein Seil von der Mauer, das ich vorher nicht gesehen hatte und einer der Jungen zieht sich daran bis fast nach ganz oben. Mir bleibt das Herz stehen, er koennte doch dafuer erschossen werden! Aber er macht sich keine Gedanken darueber, es scheint ihm wichtiger zu sein, eine Botschaft zu vermitteln und gute Fotos zu liefern. Was fuer ein Leichtsinn, denke ich, aber dann faellt mir wieder ein, was mir Mohammed erzaehlt hat. Ohne Hoffnung ist das Leben nichts mehr Wert, man ist leicht bereit es herzugeben, auch fuer ein Foto.