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Ein Tag in der Jeshivah

Ich stehe um 7.30 Uhr auf, mache mich fertig und gehe los. Mein Weg führt über die Ha Neviim Straße (Straße der Propheten) zu einem Gefängnis gegenüber einer russisch - orthodoxen Kirche. Vor dem Gefängnis ist immer viel los, es warten Leute vor dem Tor, es wimmelt von Polizisten und dauernd kommen gepanzerte Wagen, die Leute oder anderes abladen. Hinter dem Gefängnis biege ich auf die Jaffa Straße, die mich zum Jaffa Tor führt. Dieses Tor ist der Eingang zum jüdischen Viertel der Altstadt, es zeigt in Richtung Jaffa, dem alten Hafen Israels, der jetzt Teil Tel Avivs ist. Nachdem ich das Tor passiert habe, gehe ich an einer weiteren Polizeistation vorbei und bin im jüdischen Viertel. Dort geht es steil bergab und bei Schnee oder Regen ist der Weiße Stein, aus dem die Straßen gemacht sind, sehr rutschig. Ich gehe an einigen römischen Ruinen vorbei und an einer Baustelle, an der eine neue, riesige Synagoge gebaut wird und bin fast an der Klagemauer. Kurz davor biege ich links ab und stehe vor meiner Jeshivah, die sich genau gegenüber der Klagemauer befindet. Der Weg dorthin ist sehr angenehm, es geht meistens bergab und die Sonne scheint mir morgens direkt ins Gesicht, außerdem ist die Altstadt sehr schön, ich fühle mich oft immer noch wie ein Tourist hier.

Ich komme kurz nach acht an und begebe mich sofort in die Kantine zum Frühstück. Die meisten anderen sind noch beim Morgengebet und haben Tefillin um ihre Arme gebunden. Ich bin also fast als erster beim Essen und kann ohne Stress frühstücken während die anderen sich mit Gott unterhalten. Im Winter gibt es oft warmen Grießbrei mit Zimt und Zucker aus einem riesigen Topf. Ich mochte das Zeug nie als Kind aber jetzt ist es super, ich mische aber sehr viel Zucker und Zimt hinein. Wenn es keinen Brei gibt, esse ich Kellogs Corn Pops. Danach esse ich zwei Toasts mit Hüttenkäse, ein weiteres Produkt, das ich früher nie gegessen habe. Es gibt immer Früchte und einen Schoko Jogurt zum Nachtisch, dazu Kaffee oder Tee. Ich beschreibe das Früstück so genau weil es ein wichtiger Grund für mich ist in die Jeshivah zu gehen. Ich genieße das Frühstück dort und mein Tag beginnt sehr angenehm, was mir Kraft für den Tag gibt. Das Mittag- und Abendessen sind sehr viel schlechter.

Um etwa 8.40 Uhr bin ich satt und gehe in den Klassenraum. Die erste Unterrichtsstunde beginnt um 9.10 Uhr und ich habe Zeit mein Tagebuch zu schreiben, es ist schon ein festes Ritual bei mir. Langsam trudeln die anderen Studenten ein, etwa 10 bis 15 gehen mit mir in eine Klasse. Es sind Leute aus USA, Kanada und England, ich bin der einzige Deutsche in meiner Klasse und in der Jeshivah, es gibt noch einen Österreicher und einen Schweizer und eine ganze Abteilung für Südamerika, wo vor allem Brasilianer und Argentinier studieren. Natürlich ist meine Jeshivah eine reine Männer Schule, es gibt auch welche für Frauen, Geschlechtertrennung ist hier sehr wichtig und ich muss zugeben, dass man sich besser aufs Lernen konzentrieren kann wenn keine (hübschen) Frauen im Raum sind.

Die erste Stunde wird von Rabbi Daniel Schloss unterrichtet, er kommt aus Amsterdam und ist ein sehr motivierter und energievoller Lehrer. Es geht bei ihm um Brachas, das sind Segnungen, die man vor und nach dem Essen macht. Es ist eine sehr komplizierte Wissenschaft, denn man muss wissen woraus das Essen gemacht ist und man muss sich mit den Regeln des Segens auskennen um den richtigen Segen zu sprechen. Kurz gesagt ist der Sinn des ganzen, dass man das Essen nicht in sich hinein schlingt, sondern jedes mal erkennt, dass es von Gott kommt und sogar meistens ein Genuss für uns ist. Jede Nahrung ist wie ein Schild, das einem zeigt wie schön und perfekt die Schöpfung ist, jeder Apfel ist ein Zeugnis der Perfektion Gottes und seiner Schöpfung. Diese Stunde ist die langweiligste des Tages, meistens mache ich meine Ulpan Hausaufgaben während Rabbi Schloss über die Zusammensetzung einer Gemüsesuppe philosophiert. Um 10.10 Uhr beginnt nach einer zehn minütigen Pause Rabbi Avraham Willig in die Klasse und unterrichtet Mitzvas. Das sind die 613 Gebote, die ein Jude einhalten muss. Er geht sehr ins Detail und erklärt den Grund für jedes einzelne Gebot, es ist faszinierend wie diese Vorschriften aufgebaut sind um den Charakter zu stärken und in die richtige Richtung zu entwickeln. Gerade lernen wir das Gebot „Du sollst deine Eltern ehren“, es ist eines der zehn Gebote und somit sehr wichtig. Das interessante an dieser Mitzvah ist, dass sie wie die anderen neun auf der Steintafel von Moses stand, jedoch auf der linken Tafel. Die ersten vier Gebote auf dieser Seite beziehen sich auf das Verhältnis des Menschen zu Gott, die fünf Gebote auf der rechten Seite beziehen sich auf das Verhältnis zwischen den Menschen. Das Gebot die Eltern zu ehren ist also auf der Seite der Gebote, die von Gott handeln, wieso das, es geht doch um zwischenmenschliche Beziehungen? Die Antworten sind sehr lang und werden von vielen Rabbis seit tausenden Jahren diskutiert, ich versuche es kurz zusammen zu fassen: Gott wird oft als Vater bezeichnet, was jedoch nur eine Seite von ihm ist, aber eine repräsentative. So wie unser Verhältnis zu unseren Eltern (im Idealfall) ist, so sollen wir auch Gott verstehen. Eltern kümmern sich um ihre Kinder aus reinem Altruismus, sie verlangen nichts von ihnen als Gegenleistung, so in etwa ist Gottes Beziehung zu uns. So wie wir unsere Eltern ehren, sollen wir auch Gott ehren und umgekehrt sollen wir unsere Eltern genauso ehren, fürchten und respektieren wie wir es Gott gegenüber tun. Eltern sind für ihre Kinder wie kleine Götter, sie sind die ersten Autoritäten, unsere Schöpfer und unsere Erhalter in der Kindheit. Diese Klasse ist sehr viel interessanter als die Vorige und es kommen oft gute Diskussionen auf. Rabbi Willig aus New York ist ein reines Energiebündel, er liebt jedes Gebot und er schwärmt davon wie viel Spaß es ihm macht sie zu diskutieren und zu befolgen.

Als nächstes kommt „Gemorrah mit Rashi“ mit Rabbi Gavriel Friedman auch aus New York. Rabbi Friedman ist Ende zwanzig und ein wahrer Entertainer. Wenn er nicht Rabbi geworden wäre, wäre er bestimmt ein erfolgreicher stand up Comedian. Er singt, er steigt auf Tische, macht dauernd Witze, zitiert Filme, Lieder und ist in einem wahren Unterhaltungsrausch während der Stunde. Es fehlt nur noch Popcorn um die Show perfekt zu machen. Die Gemorrah diskutiert die Geschichten der Bibel und Rashi (Rabbi Shlomo Yitzhaqi aus Troyes, Frankreich) hat im 11. Jahrhundert Kommentare in der Gemorrah geschrieben. Rashi hat zu fast allem in der Bibel Kommentare geschrieben, er war einer dieser Juden, die dauernd ihre Meinung abgeben müssen, er war jedoch ein Genie, das die Bibel und die dazugehörige Literatur auswendig kannte, verstand und interpretieren konnte. Gerade lernen wir eine kurze Passage über Moses, es sind nur einige Sätze in der Bibel, aber Rashis Interpretationen füllen viele Seiten. Gestern haben wir gelernt, dass wenn man wissen will wie die Kinder einer zukünftigen Braut werden, man sich ihre Brüder ansehen sollte. Wie wir darauf gekommen sind, oder besser wie Rashi darauf gekommen ist, ist eine lange Geschichte und hat mehrere Stunden gedauert herauszuarbeiten, es war aber eine sehr lustige Arbeit.

Um 12.10 Uhr kommt eine Einführung in den Talmud mit Rabbi Chaim Gogek aus Baltimore, USA. Der Talmud ist die Niederschrift der mündlichen Torah. Die Torah hat neben dem niedergeschrieben Teil, den wir als altes Testament oder Torah kennen, einen mündlichen Teil, der auch von Gott an Moses im Sinai überliefert wurde und genauso heilig und göttlich ist wie die geschriebene Torah. Der Talmud wurde während des Exils in Babylon ab dem Jahre 422, teilweise auf Aramäisch geschrieben. Die mündliche Torah sollte nicht aufgeschrieben werden, sondern mündlich von Lehrer auf Schüler weitergegeben werden, aber im Exil war dieses Wissen bedroht und man schrieb es auf, jedoch in einer Form, die wiederum Interpretation und Vorwissen benötigt. Im Grunde geht es im Talmud so, dass ein Rabbi eine Behauptung aufstellt und andere Rabbis dem widersprechen, das ganze diskutieren und meistens zu einem Ergebnis kommen. Mit Rabbi Gogek lernen wir einige Sätze aus dem Talmud auswendig und diskutieren sie, zum Beispiel den: Wenn man stiehlt ist es so, als wenn man Götzen anbetet. Auf hebräisch geht er etwa so: Kol ha gonev, ki ilu oved ahavoda sara. Dieser Satz ist sehr tiefsinnig und kann lange diskutiert werden, was ist das Besondere an Götzenanbetung? Was hat das mit stehlen zu tun? Warum sagt man nicht einfach, dass man nicht stehlen soll? Das Auswendig lernen ist etwas anstrengend und nicht sehr spannend, für Diskussionen ist oft nur wenig Zeit, insgesamt finde ich diese Stunde nicht so gut. Aber Rabbi Gogek hat mir von den Zielen seines Unterrichts erzählt und er hat wohl einen groß angelegten Plan für seine Klasse, auch wenn der Spaßfaktor dabei etwas auf der Strecke bleibt.

Um 13.00 Uhr gibt es Mittagessen, das ist immer eine Schlacht um gute Plätze und gute Stücke des Gerichts. Es ist wie im Dschungel und wenn wir nicht dauernd predigten über Moral hören würden, würden wir hungrigen Jungs uns wahrscheinlich gegenseitig zerfleischen. Das Essen schmeckt meistens gut, aber ist von nicht sehr guter Qualität, glaube ich und man kann sich nie total satt essen, was wohl ganz gut ist wenn man danach noch studieren möchte. Ich bleibe meistens in der Jeshivah, lese oder mache Hausaufgaben. Am Nachmittag kommen die wirklich interessanten Fächer dran, mit der Krönung des Tages in der letzten Stunde, “die Propheten” mit Rabbi Lichtman, ein riesen Spaß, aber davon gibt es mehr im nächsten Teil dieser Geschichte.