Ein Tag in der israelischen Armee
Ich durchlaufe gerade ein Programm der Jewish Agency. Das ist eine Organisation, die Juden nach Israel locken und das Land allen Juden weltweit näherbringen möchte. In diesem Sinn hat die Agency auch meinen Praktikumsplatz in Jerusalem für mich gefunden. Um den Praktikanten einen guten Eindruck von Israel zu vermitteln, werden mehrmals monatlich Aktivitäten organisiert.
So wurde letzte Woche auch ein Tag bei der Armee verbracht. Als ich davon hörte, war ich sofort begeistert. Ich stellte mir vor in einem Panzer zu fahren, Waffen zu testen, Kampübungen durchzuführen und etwas über eine der besten Armeen der Welt zu erfahren. Ich war also sehr gespannt, denn in der Email der Jewish Agency hieß es, dass man einen Tag als Volontär kommt.
Ich traf die anderen Volontäre um 7.00 Uhr morgens in Jerusalem, von dort aus fuhren wir mit dem gemieteten Bus nach Tel Aviv um weitere Praktikanten abzuholen. Ich war der einzige deutsche Praktikant unter den 20 Leuten, es gab viele Franzosen, Amerikaner und Kanadier.
Als wir beim Armycamp in der Nähe von Tel Aviv ankamen, stieg ein junger Offizier in unseren Bus und sagte: „Wir haben Karten von Syrien und dem Libanon, ihr müsst sie auf eine bestimmte Weise falten.“ Das verstand ich nicht ganz, er sagte diesen Satz ohne Einleitung oder Erklärung, wieso müssen wir Karten falten? Macht so etwas nicht eine Maschine? Was hat das überhaupt zu bedeuten?
Die Frage wurde schnell beantwortet als wir in einer grossen Halle ankamen. Es standen vier Reihen von langen Tischen darin und einige israelische Soldaten standen daneben und falteten Karten! Der junge Offizier teilte uns einigen Tischen zu und erklärte jedem wie man die Landkarten falten sollte. Es war also kein Scherz, ich stand an einem Tisch und musste Landkarten falten! Es waren Karten vom südlichen Teil des Sees Genezareth mit der jordanischen und syrischen Grenze darauf. Die Karte war etwa so groß wie ein Poster und voller hebräischer Zeichen, die aber nur die Kämpfer verstehen, für die diese Karten gedacht sind. Eine kleine, süsse Soldatin faltete neben mir und ich fragte sie, ob sie das jeden Tag tue, zwei Jahre lang. Es sind nur noch 1 Jahr und 3 Monate von ihrem Militärdienst übrig antwortete sie und sie faltet schon seit einigen Monaten und wird es wohl noch einige weitere tun, sie weiss nicht, wann und ob sie versetzt wird. Das klang gar nicht lustig, nachdenklich widmete ich mich wieder meiner Arbeit, aber ich sah bald, dass es wohl nicht so schlimm ist. Die Soldatin verbrachte eigentlich weniger Zeit beim falten als in der Pause, es sah ganz locker aus wie die Leute dort ihre Zeit verbrachten. Keine Hetze, jeder faltet so viel er schafft.
Ich nahm es also auch locker und dachte über die Karten nach, würde Israel vielleicht eines der Länder auf den Karten angreifen? Vielleicht steht ja eine Invasion bevor, die ich aufdecken kann und so meiner Karriere als Journalist einen kräftigen Schub geben kann. Aber man erlärte mir, dass kein Angriff bevorstehe, es handele sich einfach um eine Routine Erneuerung der Ausrüstung als Antwort auf das schlechte Management der Armee beim letzten Krieg im Libanon. Aber auch wenn es nicht so wäre, man hätte mir bestimmt nicht von einem bevorstehenden Angriff erzählt.
Nach fast zwei Stunden Faltarbeit, gingen wir essen. Es wurde in einer riesigen Kantine serviert und war gar nicht schlecht. Es gab Pasta, Salate, Humus, Früchte, Kuchen und sogar Wasser mit Geschmackszusatz. Das Leben in der israelischen Armee kam mir in diesem Moment ganz locker vor, es gab viele Soldatinnen im Speiseraum, es wurde gelacht, geflirtet, wie in einem Ferienlager, nur das das Ferienlager mehrere Jahre dauert. Es gab auch andere Volontäre, neben mir saß ein französisches Mädchen, das Geld dafür zahlte, drei Wochen hier Dienst zu tun! Sie war begeistert und war traurig in einigen Tagen wieder nach Frankreich zu fahren. Vielleicht musste sie keine Karten falten, sondern erlebte die Armee so wie ich es mir vorgestellt habe, mit Kriegsspielen.
Nach dem Essen bekamen wir eine Führung des Camps, wir wurden in einen Bus gesetzt und ein älterer Soldat erzählte uns einiges. Es schien, als hätte der letzte Krieg einiges geändert, oder zumindest den Staub von manchem gewischt, denn uns wurde immer wieder erzählt wie einschneidend die schlechte Kriegsführung und das schlechte Management für die israelische Armee war. Es hatten sich Schwächen gezeigt, die jetzt ausgebessert werden sollten. Die ganze Rundfahrt dauerte eine halbe Stunde und wir bekamen zwei verschiedene Panzertypen zu sehen. Wir durften keine Fotos machen und nicht alle Fragen wurden beantwortet, der Soldat, der uns begleitete konnte oder wollte mir nicht sagen, ob der Panzer neben mir in Israel oder USA hergestellt wurde, das müsste er doch wissen.
Nach der kurzen Tour ging es wieder in die Halle zum falten. Sogar unser Guide von der Jewish Agency fand es mittlerweile lächerlich und er erlaubte uns, nichts zu tun. Es waren noch zwei Stunden bis der Bus uns abholte und es war sehr langweilig. Also faltete ich einfach weiter, es gab eh nichts zu tun und so konnte ich wenigstens dafür sorgen, dass die Soldaten beim nächsten Krieg ordentlich gefaltete Landkarten dabei haben.