Israel war der eizige Jude in seiner neuen Schule in Kreuzberg. Die meisten seiner Klassenkameraden waren Moslems und auf den Namen Israel reagierten sie vom ersten Tag an allergisch. Schon als die Lehrerin den neuen Schüler vorstellte und seinen Namen nannte, gab es Buhrufe der moslemischen Mehrheit in der Klasse, worauf das Werfen von Papierkugeln folgte, und natürlich wurden Israel sofort einige passende Spitznamen wie „Judensau“, „Unterdrücker“, oder „Itzig“ gegeben. Ein besonders gebildeter Mitschüler nannte ihn sogar „Organfresser“.
Israel verstand die Gefühle seiner Klassenkameraden, er stimmte ihnen nicht zu, aber sie wussten es eben nicht besser. Deswegen wollte er ihnen durch sein Verhalten zeigen, dass ihre Vorurteile nicht stimmten. Er blieb immer freundlich, auch bei den schlimmsten Beleidigungen, er half einigen bei ihren Hausaufgaben, ließ sie bei Tests abschreiben und schaffte es so zwei seiner Mitschüler von einem Frieden zu überzeugen. Die anderen sahen seine Freundlichkeiten jedoch nur in einem schlechten Licht, als jüdische Verschwörung, die sie am Ende ins Verderben stürzen würde. Die Ankunft eines Juden mit dem Namen Israel sprach sich schnell in der mehrheitlich moslemischen Schule herum, so dass Israel nie allein in den Pausen war. Dauernd wurde er von irgendjemanden gehänselt, die meisten kannten ihn nicht, aber beschimpften ihn und oft kam es fast zu einer Prügelei. Israel war kräftig gebaut und hatte keine Angst vor den Kindern seiner Schule, auch die höheren Klassen schüchterten ihn nicht ein. Aber wenn ihn mehrere gleichzeitig angreifen würden, hätte er schlechte Karten. Also versuchte er Konflikte zu vermeiden, was nicht einfach war, da es ja nicht er war, der sich agressiv verhielt. Zur Schulleitung, oder seiner Lehrerin konnte er nicht gehen, denn er würde seine Mitschüler mit der Petzerei nur noch mehr verärgern.
Nach etwa drei Wochen war es schließlich soweit, fünf Mitschüler umringten Israel und forderten, dass er sich für die Unterdrückung der Palästinenser in Gaza entschuldigte. Israel versuchte ihnen die Lage dort zu erklären, dass es nicht nur Israel sei, sondern auch Ägypten, das seine Grenze zu Gaza geschlossen hatte, dass dieses Gebiet von einer Gruppe beherrscht wurde, die sich geschworen hatte das Land Israel zu vernichten, dass die Öffnung der Grenze einer Einladung für Terroristen gleichkäme und dass er persönlich doch nichts damit zu tun hatte. Aber es war vergeblich. Schon während seiner Erklärungen wurde er mal von hinten, mal von der Seite geschubst und immer wieder sagte man zu ihm er solle sich entschuldigen. Es begann schon in Israel zu kochen, er war in eine Ecke gedrängt, sah sich fünf hasserfüllten Gesichtern gegenüber, aber er wusste nicht was er jetzt tun sollte. Sich entschuldigen kam nicht in Frage. Da wurde ihm die Entscheidung von Abdul, dem frechsten Kind seiner Schule, abgenommen. Israel sah aus dem Augenwinkel wie Abdul zu einem Schlag gegen ihn ausholte, der ihn mitten ins Gesicht treffen sollte. Aber Israel reagierte schnell und noch bevor Abduls Faust das Gesicht Israels erreichen konnte, kam ihm Israel mit mit einem Haken in die Leber zuvor (die Mitschüler wussten nicht, dass Israel diese Situation zu Hause heimlich trainiert hatte). Abdul sackte zusammen und schrie vor Schmerzen, sofort stürtze sich ein anderer Schüler auf Israel, aber diesen konnte er mit einem Tritt zwischen die Beine ausschalten. Jetzt waren die anderen geschockt, aber Israel im Rausch, er bemerkte nicht, wie sich eine Menge um den Kampfplatz gesammelt hatte und er ging auf einen anderen Angreifer los. Der versuchte kaum sich zu wehren, er war wie gelähmt vor Angst, Israel gab ihm einen gezielten Schlag auf die Nase, die zu bluten begann. Als er sich dann um den vierten Gegner kümmern wollte, kam ein Lehrer angelaufen, der die Streitenden auseinander hielt.
Israel wurde ins Zimmer des Direktors gebracht, wo man ihn fast eine Stunde alleine warten ließ. Hier kühlte er sich ab und hatte Zeit das Geschehene zu überdenken, er hatte sich gut geschlagen, es war fast, als hätte er nicht selbst gehandelt, sondern wurde geleitet, rückblickend lief alles irgendwie automatisch, ohne seine Kontrolle ab. Es war schon fast ein Wunder, er hatte sich gegen fünf Gegner behauptet! Aber wie würde sich diese Situation auf die Lehrer und Mitschüler auswirken? Vielleicht würden ihn die anderen jetzt respektieren, oder zumindest in Ruhe lassen. Israels Selbstvertrauen war auf jeden Fall aufgerichtet, er würde sich nichts mehr gefallen lassen, wenn er mit diesen fünf fertig geworden ist, könnten andere ruhig kommen. Vor allem aber war er sehr dankbar dafür, dass er solch eine Situation vorausgesehen und sich vorbereitet hatte.
Endlich kamen der Rektor und seine Klassenlehrerin herein. Sie setzten sich Israel gegenüber und schauten ihm ernst ins Gesicht. Der Rektor begann zu sprechen:„Das was du getan hast war wirklich sehr falsch Israel. Wir haben mit den anderen Kindern auf dem Schulhof gesprochen und eine Menge Zeugen sahen wie du Abdul und seine Freunde angegriffen hast. Wir verstehen, dass du Probleme mit deinen Mitschülern hast, aber sie zu schlagen ist keine Lösung. Du solltest eher freundlich zu ihnen sein, damit sie ihre Vorurteile gegen dich vergessen. Aber stattdessen gehst du auf sie los und schlägst wie ein Verrückter um dich. Das geht wirklich nicht, wir sind doch hier in einem zivilisierten Land!“ Israel konnte nicht glauben was er gerade gehört hatte. Sie gaben ihm die Schuld an dem Vorfall! Er versuchte zu erklären, aber vergeblich, seine Klassenlehrerin schloss die Diskussion mit der Bemerkung ab, dass er und nicht Hakan eine blutige Nase hätte, wenn er es war, der angegriffen wurde. Der Rektor verkündete seine Strafe: Er musste sich natürlich bei den fünf Mitschülern entschuldigen und er würde in der Pause unter besondere Aufsicht gestellt. Außerdem musste er einen Aufsatz über die Vorteile von Pazifismus und Brüderlichkeit schreiben. Auch wurden seine Eltern informiert, denen eine Liste mit weiteren Erziehungsvorschlägen zugeschickt wurde.
Als Israel das Zimmer des Rektors verließ wartete schon eine Menge davor, die ihn teils erstaunt, teils mit Respekt, aber auch mit offener Feindschaft anstarrte. Er war für den Rest des Tages von der Schule suspendiert worden, so dass er sich nicht mit den anderen Schülern auseinander setzen musste. Am nächsten Tag hatte sich das Verhalten der Mitschüler verändert, man ließ ihn jetzt in Ruhe, zwar aus Angst, aber immerhin konnte er jetzt seine Pausen ungestört verbringen.
Dieser Zustand hielt jedoch nicht lange, denn Israels Gegner sannten nach Rache, auch wenn sie es nicht mehr wagten, ihn offen anzugreifen. Stattdessen griffen sie zu einem anderen Mittel ihm das Leben schwer zu machen. Zum Werkzeug ihrer neuen Strategie wurde Abdul, der in Israels Klasse ging. Seine Aufgabe war es, Israel so lange zu provozieren bis er ausrastete, noch eine Prügelei und man würde Israel ganz bestimmt aus der Schule werfen. Hier war Abdul in seinem Element, er beschoss Israel mit Papierkugeln, die er mit Spucke zusammengeleimt hatte, er versuchte ihm ein Bein zu stellen wann immer Israel an ihm vorbei ging, er erzählte alle möglichen Lügengeschichten über ihn, so dass Israels Ruf in der Schule täglich schlechter wurde und die unmöglichsten Geschichten über ihn kursierten. Israel verstand diese neue Strategie seiner Mitschüler, denn Abdul wich einer direkten Konfrontation immer wieder aus. Da Israel unter besonderer Beobachtung stand, musste er sehr vorsichtig sein, denn Abdul versuchte ihn gerade dann besonders zu reizen wenn Lehrer in der Nähe waren, die eine mögliche Reaktion Israels sehen würden. Manchmal war er damit sogar erfolgreich und Israel konnte sich nicht beherrschen, dann schrie er, er würde ihn bald erwischen und ihm alle Knochen brechen. Das war natürlich genau was Israels Gegner gewollt hatten und es war auch das, was die Lehrer schon vermuteten, nämlich dass Israel der Agressor ist.
Israel beschloss, die Angriffe nicht mehr einfach hinzunehmen und er sprach schließlich mit seiner Klassenlehrerin über seine Situation. Er erklärte ihr was Abdul und seine Freunde vor hatten und wie sie sich ihm gegenüber verhielten. Die Lehrerin hatte wenig Verständnis für seine Lage und erklärte: „Ich kann verstehen, dass sich Abdul über dich ärgert nachdem was du ihm angetan hast, aber du musst freundlich zu ihm sein und sein Verhalten mit Geduld und Freundlichkeit beantworten. Er wird bald merken, dass du ein netter Kerl bist und ihr werden Freunde sein. Du weisst doch wie viel Wert Abdul und seine Freunde auf ihre Ehre legen, man darf sie nicht zusätzlich reizen, sonst werden sie noch Ärger in der Schule machen.“ „Aber Frau Lehrerin“, antwortete Israel verzweifelt, „sie wollen doch gar nicht mit mir befreundet sein, sie sitzen den ganzen Tag nur herum und überlegen wie sie mich fertigmachen können. Ich bin wirklich von Anfang an freundlich zu ihnen gewesen, aber sie wollen mich von der Schule vertreiben und nicht mit mir befreundet sein, wirklich!“ Die Lehrerin lächelte verständnisvoll und meinte, Israel habe Paranoia, jeder Mensch wolle mit seinen Mitmenschen befreundet sein und nicht kämpfen. Auch Abdul würde gerne sein Freund sein, wenn er nur davon überzeugt wäre, dass er nichts von Israel zu befürchten hätte. Die Lehrerin versprach jedoch mit Abdul zu sprechen.
Abdul stritt natürlich jegliche Vorwürfe ab, ganz im Gegenteil würde er sehr gerne mit Israel befreundet sein, aber dieser würde ihn immer wieder angreifen, die Lehrerin hatte ja selbst gesehen und gehört wie agressiv Israel sei. Dann erklärte Abdul der Lehrerin, dass Israel schon von Anfang an ein Problem mit den Moslems in der Klasse hatte. Genauso wie das land Israel, verhalte sich der Jude Israel gegenüber den Moslems, er wolle sie unterdrücken, da er sich für das auserwählte Volk hält und einen schlechten Charakter hat. Abdul erklärte der Lehrerin weiterhin, dass Israel für den Rohrbruch in der Schule verantwortlich war, der den Unterricht letzte Woche für zwei Tage ausfallen ließ. Zu dieser Zeit fand nämlich ein jüdischer Feiertag statt und um nicht zur Schule gehen zu müssen, hatte Israel sie einfach geflutet. Die Lehrerin konnte sich dies nicht vorstellen, aber sie wusste auch nicht viel über jüdische Feiertage und Abduls Aussage war zumindest in sich logisch. Sie betrachtete Israel von nun an noch etwas argwöhnischer als vorher.
Aber was konnte Israel tun? Er hatte keine Freunde in der Schule, seine Mitschüler waren ihm feindlich gesinnt und den Lehrern war er suspekt. Er würde gerne auf eine andere Schule gehen, aber das ging nicht, zumindest nicht bevor er dieses Schuljahr beendete. Er hatte alles versucht, war freundlich, hatte gekämpft, aber nichts konnte ihn mit seinen Mitschülern verbrüdern. Jeden Tag dachte darüber nach, wie er in Frieden in diese Schule gehen könnte, aber es fiel ihm nichts ein. Er ertrug die dauernden Sticheleien seiner Klassenkameraden und er merkte, dass es nicht in seiner Hand lag, den Frieden herbeizuführen. Er sprach noch einige male mit seiner Lehrerin und auch mit dem Rektor, aber sie sagten immer das gleiche. Er solle freundlich sein, durch Gesten beweisen, dass er es gut meint, aber bloß nicht provozieren. Manchmal schien es Israel als würden die Lehrer ihn auch gerne loswerden, es würde ihre Situation verbessern und sie würden einen Konflikt weniger in dieser, sowieso schon explosiven, Schule haben.  Â





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